Historisch-literarische Zeitschrift des Bürgerkomitees »15. Januar« e.V.

 

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Thomas Haury

»Zionistenverfolgung« durch die SED?

 

Nach 1945 wurden die osteuropäischen Staaten sukzessive der Herrschaft Moskaus unterworfen, Schauprozesse und »Parteisäuberungen« sollten die bedingungslose Gefolgschaft der einzelnen KPs sicherstellen. Zehntausende Parteimitglieder verschwanden im Gefängnis und Arbeitslager, Hunderte wurden liquidiert. Der letzte große Schau-prozess der Stalin-Ära wurde Ende November 1952 in Prag gegen Rudolf Slánský und 13 weitere hochrangige Funktionäre der tschechoslowakischen KP inszeniert. Wieder waren die absurden Anklagen völlig erfunden, die Geständnisse erpresst. Neu am Slánský-Prozess war dessen offen antisemitische Ausrichtung. Der gesamten Welt, so der Staatsanwalt in dem vom Rundfunk übertragenen Prozess, drohe Gefahr durch den »internationalen Zionismus«, der durch »tausend Fäden ... mit dem Weltkapitalismus verbunden« sei. Immer wieder hob er die jüdische Herkunft von elf der 14 Angeklagten hervor. Diese »Verräter des tschechoslowakischen Volkes« hätten die Wirtschaft sabotiert, Spionage betrieben und gar die Ermordung des Staatspräsidenten Gottwald geplant.1 Das Gericht verhängte elf Todesurteile, die sogleich vollstreckt wurden.

Der Slánský-Prozess sollte den Auftakt bilden für eine ostblockweite Säuberungswelle mit antisemitischer Ausrichtung. Für das »Neue Deutschland« berichtete ein Sonderkorrespondent täglich vom Prozess, die Anklagereden, die Geständnisse und das Urteil wurden seitenlang dokumentiert. Am 4. Januar 1953 veröffentlichte das ND den Beschluss des Zentralkomitees der SED »Lehren aus dem Prozess gegen das Verschwörerzentrum Slánský«. In den »Lehren« warnte das ZK vor »getarnten Spionen, Agenten und Saboteuren«, die überall in der DDR, auch in der Partei selbst, ihr Unwesen trieben und betonte hierbei die »verbrecherische Tätigkeit der zionistischen Organisationen«. Paul Merker, bis 1950 Mitglied von ZK und Politbüro, wurde angeklagt, schon seit Jahren in den Reihen der Partei als »zionistische Agenten« die »Ausplünderung Deutschlands« und die »Verschiebung von deutschem Volksvermögen« zugunsten des amerikanischen Finanzkapitals und »jüdischer Monopolkapitalisten« bezweckt zu haben.2

Zwar war die antizionistische Kampagne in der DDR deutlich verhaltener als in den übrigen Ostblockstaaten, aber auch die SED verfügte die Überprüfung der Kaderakten von allen Genossen jüdischer Abstammung, zahlreiche jüdische Angestellte in den Stadt- und Bezirksverwaltungen wurden entlassen. Paul Merker, selbst kein Jude, wurde Ende November inhaftiert. Den jüdischen Gemeinden, denunziert als Agenturen des Zionismus und Imperialismus, wurde die Unterstützung entzogen, kulturelle Veranstaltungen wurden verboten, Büros durchsucht. Die Gemeindevorsitzenden wurden verhört über Hilfssendungen der amerikanisch-jüdischen Wohlfahrtsorganisation »Joint«, Listen aller Gemeindemitglieder wurden verlangt, denn alle Empfänger von Care-Paketen galten als dringend der Spionage verdächtig. Über ein Viertel der ca. 3.500 jüdischen Gemeindemitglieder floh aus der DDR, darunter auch fünf der insgesamt acht Gemeindevorsitzenden. Ein Schauprozess mit antisemitischer Ausrichtung stand auch in der DDR bevor. Verhindert wurde er allein durch Stalins Tod am 5. März 1953.

Wie konnte es dazu kommen, dass nur sieben Jahre nach dem Ende des Nationalsozialismus in der sich als sozialistisch und antifaschistisch verstehenden DDR sich ein antisemitischer »Antizionismus« in Propaganda und Repressionen äußern konnte? Zweifelsohne war Stalin der Hauptverantwortliche für die antisemitische Wendung und natürlich musste die SED den Anweisungen aus Moskau Folge leisten. Doch die Bedenken- und Widerstandslosigkeit, mit der die SED-Spitze die antizionistische Wendung aktiv umsetzte, wie auch die Tatsache, dass die Säuberungen 1952 geradezu fließend in den Antisemitismus mündeten und viele Parteigenossen dies gar nicht bemerkten, verweist auf zwei »hausgemachte« Ursachen bzw. Einfallstore für den Antisemitismus: das marxistisch-leninistische Weltbild sowie der seit 1948 von der SED betriebene Deutschnationalismus. (Alle folgenden Belegzitate stammen aus den Jahren 1948-1953: aus offiziellen Erklärungen von ZK und Politbüro, aus der »Einheit«, dem theoretischen, sowie dem »Neuen Deutschland«, dem offiziellen Parteiorgan, sowie aus Schriften der obersten SED-Parteiführer.)

Die Grundstrukturen der marxistisch-leninistischen Ideologie

Die von Stalins Chefideologen Andrej Shdanow verkündete »Zwei-Lager-Theorie« bildete seit Ende 1947 die Grundfolie der marxistisch-leninistischen Erklärung der Weltlage. Jeder Beschluss des ZK der SED und jede Erklärung des Politbüros repetierte in jenen Jahren monoton immer wieder diese Weltsicht.

Das hervorstechendste Strukturmerkmal des marxistisch-leninistischen Weltbildes ist sein Manichäismus, der die gesamte Welt strikt binär in Gut und Böse teilt, in das Lager des »kriegslüsternen Imperialismus« unter der Vorherrschaft der USA versus dem weltweiten »Friedenslager« – die realsozialistischen Staaten unter der Führung der UdSSR, die KPs in aller Welt sowie sämtliche »Völker« der Erde. Der Feind wurde zum absolut Bösen und zur existentiellen, tödlichen Bedrohung dämonisiert: »Die Weltherrschaft, ... die Ausrottung anderer Völker« seien die wahren Ziele des »amerikanischen Raubimperialismus«, weswegen er zielgerichtet auf die Entfesselung eines atomar geführten dritten Weltkrieges hinarbeite, um das sozialistische Friedenslager zu vernichten.3

Das zweite augenfällige Strukturmerkmal des Marxismus-Leninismus ist die Personifizierung des »Weltimperialismus« in einer kleinen Gruppe von »kriegslüsternen« »Weltimperialisten« und »habgierigen« »Dollarkönigen«.4 Diese personifizierende Erklärung der Welt musste zwangsläufig in eine verschwörungstheoretische Weltsicht münden: Wie sonst könnte »eine Handvoll habgieriger Milliardäre«5 die halbe Welt beherrschen? Folgerichtig prangerte die SED ständig »finstere Pläne« und Verschwörungen der »Börsenhyänen« an, die mit ihren »bezahlten Politikern und Schreiberlingen« die Staaten lenken und durch »hinterhältige Methoden des Volksbetruges« die Beherrschten niederhalten würden.6

Entscheidend ist weiterhin, mit welchen gegensätzlichen Attributen das Gute und das Böse einander entgegengestellt wurden: Der Imperialismus wurde insbesondere in Finanzkapitalisten und Börsianern personifiziert. Es war die Rede von der »Internationale der Bankiers«, von »Finanzhyänen«, »Dollargeiern«, »Spekulanten« und – auch dies war in der SED-Propaganda zu finden – »Blutsaugern« und »Parasiten«.7 Leidtragender der »terroristischen Mörderinternationale von Wall Street«8 war keineswegs nur das Proletariat, sondern das »schaffende«9 bzw. »werktätige Volk«10 bzw. »die Völker« generell: Die »Raubtiere der Wallstreet« würden »die Völker ... aussaugen« und seien daher die »Erzfeinde ... der gesamten ... Menschheit«.11

Bereits hier fällt auf, wie nah die Argumentationsstruktur des Marxismus-Leninismus am Antisemitismus liegt: Die Welt wird manichäisch erklärt aus dem Kampf des Guten mit dem Bösen. Erlösung bringt allein die endgültige Bezwingung des Bösen. Der Kapitalismus wird personifizierend und verschwörungstheoretisch erklärt aus dem bösen Wirken einer kleinen parasitären und raffenden »Internationale der Bankiers«, denen weltweit schaffende »Völker« entgegengesetzt werden.

Darüber hinaus kreierte die SED noch einen inneren Feind, der in vielem an die antisemitische Konstruktion des »zersetzenden Juden« erinnert: Um seine Weltherrschaft zu errichten und das Friedenslager zu vernichten, so verkündete die SED in Permanenz, habe der Imperialismus im Inneren der »volksdemokratischen Staaten«, auch in der Partei selbst, »ein weitverzweigtes Netz von Agenten«12 aufgebaut, die es schleunigst unschädlich zu machen gelte. Reale Opposition, aber auch bloße Nachlässigkeit oder Fehlentscheidungen konnten als bewusste Sabotagetätigkeit ausländischer Agenten verfolgt und drakonisch bestraft werden. Zur Jagd auf »getarnte Parteifeinde«, die »die Reihen unserer Partei zersetzen«, wurden flächendeckend Parteikontrollkommissionen zur »Ausmerzung« von derlei »entarteten Elementen« eingerichtet.13 Zahlreiche Parteimitglieder wurden unter dem Vorwurf der Agententätigkeit verhaftet und verschwanden im Gulag.

Da die SED sich eins glauben wollte mit dem »Volk«, war alsbald nicht nur von der »Wühlarbeit« und der »Zersetzungsarbeit« von Agenten die Rede, sondern auch von »Volksfeinden«, deren »Entlarvung« und »Vernichtung« die oberste Pflicht sei.14 Selbst die Vokabel des »Volksschädlings«15 findet sich in der Propaganda der SED. Zu den bisherigen Elementen antisemitischer Ideologie war jetzt auch die Bedrohung durch einen maskierten inneren Feind hinzugekommen, der im Auftrag der »Internationale der Bankiers« die Zersetzung von Staat und Partei betrieb.

Kommunistischer Deutschnationalismus

Wie die übrigen Ostblockstaaten entfachte auch die SED zeitgleich mit der wachsenden Moskauorientierung, Repression und Agentenhysterie eine nationale Propagandawelle. Da allerdings die DDR im Gegensatz zu allen anderen Ostblockstaaten in der Bevölkerung keine Grundakzeptanz als »ihr« Nationalstaat besaß, versuchte die SED diesem Defizit mit einer besonders vehementen deutsch-nationalen Kampagne zu begegnen.

Die BRD wurde perhorresziert als ein »von den Gnaden des Dollarimperialismus abhängiger ... Marionettenstaat´« mit einer »Marionettenregierung« einer von den USA »oktroyierten, ... antideutschen Verfassung«.16 Durch diese »Versklavung der deutschen Arbeiterklasse und des deutschen Volkes« würden die »Wallstreet-Imperialisten« »Profite ein(heimsen), wie sie niemals durch koloniale Ausbeutung erzielt worden sind.«17 Insbesondere die »Wucherzinsen« für Marshallplankredite »plündern das deutsche Volk aus«.18 Und so forderte die SED: »Sofortige Einstellung ... der Überfremdung der deutschen Wirtschaft durch ausländische Kapitalisten. Beseitigung der Dollarzinsknechtschaft.«19

Die Bonner Politik wurde nur in den Kategorien von »nationalem Verrat« und »Verschwörung« behandelt. »Bezahlte Werkzeuge« hätten »sich dazu hergegeben ..., die wahren Interessen des deutschen Volkes an die anglo-amerikanischen Imperialisten zu verschachern«: »Offener Landesverrat ist am Werk!«20 Sich selbst präsentierte die SED als »Vortrupp des deutschen Volkes« und rief in flammenden Manifesten »alle gesunden Volkskräfte« zum »nationalen Befreiungskampf« zur »Befreiung der Nation aus den Klauen des Dollarimperialismus« auf: »Finanzkapital oder Nation – so steht die Frage«.21

Auch im Rahmen der seit 1949 ostblockweit betriebenen »Antikosmopolitismus-Kampagne«, die den Ostblock gegenüber allen kulturellen Einflüssen aus dem Westen abschotten sollte, legte sich die SED besonders »national« ins Zeug. Die »deutsche Kultur« sei tödlich bedroht durch die »volksfremde und volksfeindliche« westliche »Dekadenz«, durch die »kapitalistische Kulturbarbarei« und durch das gefährliche »Gift« der »kosmopolitischen Zersetzung«.22

Mit dem schon aus dem Dritten Reich bekannten Schlagwort des »Kosmopolitismus« wurden alle Phänomene der westlichen Kultur, von Filmen und Unterhaltungsmusik bis hin zu moderner Kunst oder Philosophie denunziert: Der »Boogie-Woogie-Kosmopolitismus« solle die klassische deutsche Musik verdrängen und »den Krieg in die Hirne der Menschen einschmuggeln«, die »Überschwemmung Westdeutschlands mit flachen, banalen und minderwertigen amerikanischen Büchern, Hollywoodfilmen und Comicbooks« diene nur der »Verherrlichung ... von Mord, Brutalität und Pornographie«.23 Sich selbst behauptete die SED als die einzige Kraft, die die »deutsche Kultur« vor der »Auslöschung« durch die westliche »Pseudokultur« zu schützen vermöge und rief alle »deutschen Kulturschaffenden« dazu auf, zum »Mutterboden des Volkes« zurückzufinden und die Kultur des »sehnsüchtig geliebten Vaterlands« zu verteidigen gegen den »wurzellosen Kosmopolitismus«.24

In der deutsch-national geprägten Antikosmopolitismus-Kampagne wird die Nähe der SED-Ideologie zu antisemitischen Stereotypen am deutlichsten, sowohl in der Wortwahl als auch in den jeweiligen Gegensatzpaaren. In alter deutscher Tradition mobilisierte die SED antiwestliche und kulturkritische Ressentiments, setzte »deutsche Kultur« gegen »volksfremde westliche Dekadenz« und rief auf zum Kampf gegen die »Zersetzung« des »nationalen Kulturerbes« durch den »wurzellosen Kosmopolitismus«.

Derlei Berufung auf das deutsche Volk brauchte natürlich eine identifikationsfähige Nationalgeschichte und die SED wies ihre Historiker an, von der Hermannsschlacht bis zur »Volkserhebung« gegen die »fremde Blutsaugerherrschaft« Napoleons die »leuchtenden Epochen, Ereignisse und Persönlichkeiten« der deutschen Geschichte herauszustellen.25 Durch ihre Berufung auf das »deutsche Volk« stieß allerdings auch die SED auf die Aporie des deutschen Nationalismus nach 1945: Wie soll man sich angesichts der Verbrechen des nationalsozialistischen Deutschlands, insbesondere die Vernichtung der Juden, mit der »deutschen Nation« identifizieren? Entlastung tat not und war mittels des Marxismus-Leninismus einfach zu leisten, erklärte dieser doch den »Faschismus« als bloße Diktatur des Finanzkapitals. So konnte die SED alle Schuld den Monopolkapitalisten und deren Werkzeug Hitler zuweisen, der »den Namen der deutschen Nation geschändet« habe, während »das deutsche Volk ... von faschistischen Machthabern versklavt« war.26

Nationalismus und Schuldabwehr führten in der SED-Spitze bereits 1948 zu einer klaren Ablehnung jeglicher Wiedergutmachung an Juden wie auch einer Rückerstattung »arisierten« jüdischen Eigentums. Rückerstattung und Wiedergutmachung, so die interne Auffassung, bedeuteten nichts anders als Zahlungen des Not leidenden und überdies am Faschismus unschuldigen deutschen Volkes an im Ausland lebende jüdische Kapitalisten, die darüber hinaus auch dem Aufbau des Sozialismus entgegenliefen. Das antisemitische Stereotyp, dass alle Juden Ausbeuter und Kapitalisten seien, und die nationalistische Abwehr von Schuld und Verantwortung verbanden sich mit primitiven »klassenkämpferischen« Ideologemen zu einer erschreckenden Ignoranz gegenüber dem jüdischen Schicksal und einer offensiven Abwehr von Schuld und Verantwortung. Und schon 1950 galt in den Verhören der Zentralen Parteikontrollkommission das Eintreten für Wiedergutmachung und Rückerstattung als »parteiwidrige Auffassung«, als schwerwiegendes Verdachtsmoment und sogar als Begründung für die Degradierung von SED-Funktionären.

Die »Lehren«

Im ZK-Beschluss »Lehren aus dem Prozess gegen das Verschwörerzentrum Slansky«, dem zentralen Dokument des ostdeutschen Antizionismus, gingen Marxismus-Leninismus und kommunistisch verbrämter Deutschnationalismus endgültig eine antisemitische Verbindung ein.

Auch die »Lehren« sind durchzogen von Manichäismus, Personifizierung und Verschwörungstheorie, vom Szenario einer existentiellen Bedrohung durch den Imperialismus und dessen Agenten, von der Entgegensetzung von »werktätigem deutschen Volk« und dessen »Todfeinden«, den internationalen Finanzkapitalisten.27 Allerdings wurde dem US-Imperialismus nunmehr eine neue Agentur zur Seite gestellt: die »zionistischen Organisationen«. Imperialismus und Zionismus verschmolzen zu einem einzigen Verschwörungszusammenhang: »Die zionistische Bewegung ... wird beherrscht, gelenkt und befehligt vom USA-Imperialismus, dient ausschließlich seinen Interessen und den Interessen der jüdischen Kapitalisten.« Durch den Zusatz der Adjektive »jüdisch« und »zionistisch« wurde das strukturell antisemitische Weltbild der SED gleitend auch inhaltlich antisemitisch.

Der gleiche Vorgang zeigt sich auch bezüglich der inneren Feinde. Wurde schon seit Jahren die Wühlarbeit imperialistischer Organisationen behauptet, so griff das ZK nunmehr »die verbrecherische Tätigkeit der zionistischen Organisationen« in der DDR an. Paul Merker wurde vorgeworfen, er habe »alle Genossen jüdischer Abstammung« aufgefordert, in die jüdischen Gemeinden einzutreten, um sie mittels Care-Paketen der amerikanisch-jüdischen Hilfsorganisation »Joint« als Agenten zu ködern. Indem die schon seit Jahren an die Wand gemalten gefährlichen Agenten des Imperialismus mit dem Adjektiv »zionistisch« näher klassifiziert wurden, reproduzierte die SED nunmehr das klassische antisemitische Stereotyp des zersetzenden Juden

Darüber hinaus füllte die SED den aus Moskau kommenden Antizionismus noch mit dem spezifisch »deutschen« Thema Wiedergutmachung. Paul Merker war während des Nationalsozialismus nach Mexiko emigriert und hatte die dortige kommunistische Exilgruppe geleitet. Tief betroffen vom Schicksal der Juden hatte er sich in zahlreichen Artikeln für die Gründung eines jüdischen Nationalstaates, für die Rückerstattung »arisierten« Eigentums sowie für Entschädigungszahlungen eingesetzt. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland war Merker in Politbüro und ZK der SED der einzige Befürworter von Rückerstattung und Wiedergutmachung. Eben dies warf das ZK Merker in den »Lehren« vor:

Seine Forderungen nach Rückerstattung und Entschädigungsleistungen seien nichts als perfide Manöver des jüdischen Monopolkapitals zur »Verschiebung von deutschem Volksvermögen«. »Es unterliegt keinem Zweifel mehr, dass Merker ein Subjekt der USA-Finanzoligarchie ist, der die Entschädigung der jüdischen Vermögen nur forderte, um dem USA-Finanzkapital das Eindringen in Deutschland zu ermöglichen. Das ist die wahre Ursache seines Zionismus.«

Auch zu den Arisierungen der Nazis nahm das ZK der SED einen marxistisch-leninistisch verbrämten, typisch »deutschen« Standpunkt ein: »Merker fälschte die aus den deutschen und ausländischen Arbeitern herausgepressten Maximalprofite der Monopolkapitalisten in angebliches Eigentum des jüdischen Volkes um. In Wirklichkeit sind bei der ´Arisierung´ dieses Kapitals nur die Profite ´jüdischer´ Monopolkapitalisten in die Hände ´arischer´ Monopolkapitalisten übergewechselt.« Damit hatte die SED festgestellt, dass alle Juden raffende Monopolkapitalisten seien, die sich auf Kosten des »schaffenden deutschen Volkes« bereichert hätten und deshalb seitens der SED mit keinerlei Rückerstattung zu rechnen hätten.

Auch die weitere Geschichte Merkers belegt die ostdeutschen Antriebe des Antizionismus: Im März 1955 stand er in einem Geheimprozess vor dem Obersten Gericht der DDR. Die Urteilsbegründung, zwei Jahre nach Stalins Tod verfasst, warf Merker vor, er »propagierte ... die Entschädigung der jüdischen Kapitalisten« und damit »eine Nachkriegspolitik für Deutschland ..., die nicht den Interessen des deutschen Volkes, sondern denen des amerikanischen Imperialismus entsprach«.28 »Weiter vertrat er ... zionistische Tendenzen, indem er ... die Schaffung eines jüdischen Nationalstaates propagierte«.29 Merker wurde wegen dieser »Verbrechen«30 zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt. 1956 wurde er im Zuge der von Ulbricht nur widerwillig betriebenen Entstalinisierung aus der Haft entlassen; nie aber politisch rehabilitiert.

National-kommunistischer Antisemitismus

Dass die Säuberungen 1952 überhaupt eine antisemitische Ausrichtung bekamen, ist ohne Zweifel Stalin zuzuschreiben. Aber dass die SED sie so gleitend mit vollziehen und den Antizionismus so problemlos assimilieren konnte, lag an der Ideologie, der die SED schon seit Jahrzehnten gläubig anhing.

Seit 1949 benutzte die SED-Propaganda ein dem Antisemitismus teilweise überaus nahes Vokabular: Sie sprach von »Schiebern und Parasiten«, von der »unsichtbaren, aber allgewaltigen« Herrschaft der »Internationale der Wallstreet«, von der »Zersetzung« durch innere Feinde, forderte die »Entlarvung« und »Ausmerzung« von »Schädlingen« und »Volksfeinden« und agitierte gegen »Dollarzinsknechtschaft« und »wurzellosen Kosmopolitismus«.

Entscheidender noch als die einzelnen Termini aber ist die ideologische Gesamtstruktur, durch die diese Begriffe ihre Bedeutung und Brisanz erst zugewiesen bekommen: ein manichäisches Weltbild, das eine existentielle Bedrohung durch innere und äußere Todfeinde behauptete, Personifizierung und Verschwörungstheorie im Weltmaßstab und die Entgegensetzung »werktätiges Volk« versus »Internationale der Bankiers«.

Zugespitzt könnte man formulieren, dass bei der SED schon seit 1949 zunehmend ein strukturell antisemitisches Weltbild zu konstatieren ist. Allein die prominente Stelle des Bösen war noch von den weniger konturierten »Finanzkapitalisten« besetzt. »Finanzkapital oder Nation« – so stand für die SED die Frage, ihre antisemitische Beantwortung war zwar nicht zwingend, wohl aber in der Logik der Ideologie als Möglichkeit angelegt. Als im Zuge des Slánský-Prozesses der Imperialismus mit dem internationalen Zionismus verschmolzen wurde und neben den imperialistischen nun auch zionistische Agenten verfolgt wurden, stellte dies keine auffallend problematische oder genuin neue Argumentation dar.

Diese Wendung zum antisemitischen Antizionismus fiel um so leichter, als die SED eine sich überschlagende deutsch-nationalistische Propaganda betrieb, von einer Schuld des »deutschen Volkes« nichts mehr hören wollte und Wiedergutmachung und Rückerstattung mit national-kommunistischen Phrasen kategorisch ablehnte. Der ZK-Beschluss »Lehren aus dem Prozess gegen das Verschwörerzentrum Slansky« zeigt, dass beim DDR-Antizionismus auch diese genuin »deutschen« Interessen mitspielten. Der Antizionismus war mehr war als ein der SED übergestülpter Sowjetimport. Dieses Feindbild in der Struktur der SED-Ideologie angelegt und wurde von der SED mit spezifisch deutschen Inhalten ausgefüllt.


Thomas Haury, geb. 1959, Soziologe, Dr. phil.. Letzte Veröffentlichungen: Antisemitismus von links. Kommunistische Ideologie, Nationalismus und Antizionismus in der frühen DDR, Hamburg 2002; Von der Demokratie zum Dollarimperialismus. Linke Amerikabilder bei Karl Marx, der KPD der Weimarer Republik und der frühen SED. In: Hahn, Michael (Hg.): Nichts gegen Amerika! Linker Antiamerikanismus und seine Geschichte, Hamburg 2003


1 Alle Zitate: London, Arthur: Ich gestehe. Der Prozeß um Rudolf Slansky, Berlin 1991, S. 308ff.
2 Alle Zitate: ND 4.1.1953.
3 Tägliche Rundschau, 6.6.1951, zit. n. Jäger, Manfred: Kultur und Politik in der DDR. 1945-1990, Köln 1994, S. 43.
4 Zitate: Einheit, 7. Jg./Februar 1952/H. 2, S. 159; Einheit, 7.Jg./März 1953/H. 3, S. 211; Dokumente der SED. Beschlüsse und Erklärungen des Parteivorstandes, des Zentralsekretariats und des Politischen Büros, Bd. 2, 2. Aufl., Berlin 1951, S. 388; ebd., S. 393; Abusch, Alexander: Stalin und die Schicksalsfragen der deutschen Nation, Berlin 1949, S. 118.
5 Dokumente 2/1951, S. 393.
6 Zitate: Norden, Albert: Um die Nation. Beiträge zu Deutschlands Lebensfrage, Berlin 1952, S. 123; ND 6.10.1949; Dokumente der SED. Beschlüsse und Erklärungen des Zentralsekretariats sowie seinen Politischen Büros und seines Sekretariats, Bd. 4, Berlin 1954, S. 480f; Einheit, 7. Jg./Januar 1952/H. 1, S. 11.
7 Norden, Albert: Lehren deutscher Geschichte. Zur politischen Rolle des Finanzkapitals und der Junker, 3. Aufl., Berlin o. J., S. 194; Dokumente der SED. Beschlüsse und Erklärungen des Parteivorstandes, des Zentralkomitees sowie seines Politischen Büros und seines Sekretariats, Bd. 3, Berlin 1952, S. 94; Norden 1952, S. 328; Dokumente 2/1951, S. 90; Einheit, 4. Jg./Oktober 1947/H. 10, S. 937; Ulbricht, Walter: Die Legende vom »deutschen Sozialismus«. Ein Lehrbuch für das schaffende Volk über das Wesen des deutschen Faschismus, 2. Aufl., Berlin 1946, S. 67.
8 Erich Honnecker/Hermann Axen: Die Jugend baut eine neue Welt, Berlin 1949, S. 9, zit. n. Schnoor, Rainer: Das gute und das schlechte Amerika: Wahrnehmungen der USA in der DDR. In: Junker, Detlef (Hg.): Die USA und Deutschland im Zeitalter des Kalten Krieges, Bd. 1, Stuttgart 2001a, S. 934.
9 Dokumente der SED. Beschlüsse und Erklärungen des Zentralsekretariats und des Parteivorstandes, Bd. 1, 3. Aufl., Berlin 1952, S. 10, 9.
10 Pieck, Wilhelm: Reden und Aufsätze. Auswahl aus den Jahren 1908-1950, Bd. 2, 3. Aufl., Berlin 1952, S. 32.
11 Norden 1952, S. 62, 195; ND 6.10.1949; Einheit, 5. Jg./Juni 1950/H. 6, S. 496.
12 Einheit, 5. Jg./Juni 1950/H. 6, S. 517.
13 Dokumente 3/1952, S. 476; ND 11.7.1953; Dokumente 2/1951, S. 84; Dokumente 2/1951, S. 83.
14 Zitate: Dokumente 2/1951, S. 102; Dokumente 3/1952, S. 102; Dokumente 2/1951, S. 401; Einheit, 5. Jg./Januar 1950/H. 1, S. 10; ebd.
15 ND 6.1.1950.
16 Dokumente 2/1951, S. 349, 349; Einheit, 5. Jg./März 1950/H. 3, S. 195.
17 Dokumente 2/1951, S. 292; ebd.; Dokumente 3/1952, S. 83.
18 Norden 1952, S. 193; ebd.
19 Dokumente 2/1951, S. 365.
20 Dokumente 2/1951, S. 349, 338; Dokumente 1/1952, S. 242.
21 Dokumente 3/1952, S. 187; Dokumente 2/1951, S. 16; Dokumente der SED. Beschlüsse und Erklärungen des Zentralsekretariats sowie seinen Politischen Büros und seines Sekretariats, Bd. 4, Berlin 1954, S. 418; Dokumente 2/1951, S. 180; Norden 1952, S. 157.
22 Dokumente 3/1952, S. 118; ND 21.6.1950; Dokumente 2/1951, S. 411; Einheit, 8. Jg./Mai 1953/H. 5, S. 743; ebd.
23 Meyer, Ernst Hermann: Musik im Zeitgeschehen, Berlin 1952, S. 162; Georg Knepler, zit. n. Rauhut, Michael: Beat in der Grauzone, Berlin 1993, S. 20; Dokumente 2/1951, S. 362.
24 Norden 1952, S. 202; Abusch, Alexander: Literatur im Zeitalter des Sozialismus, Berlin/Weimar 1967a, S. 143; Grotewohl, zit. n. Meuschel, Sigrid: Legitimation und Parteiherrschaft in der DDR, Frankfurt 1992, S. 78; Abusch, Alexander: Kulturelle Probleme des sozialistischen Humanismus, Berlin/Weimar 1967b, S. 338, ders. 1967a, S. 626; ebd., S. 360.
25 Fritz Lange 1952, zit. n. Kopp, Fritz: Die Wendung zur »nationalen« Geschichtsbetrachtung in der Sowjetzone, München 1955, S. 27; Einheit, 8. Jg./März 1953/H. 3, S. 283; Stern, Leo: Gegenwartsaufgaben der deutschen Geschichtsforschung, Berlin 1952, S. 54.
26 Abusch 1949, S. 87.
27 Diese und die folgenden Zitate: ND 4.1.1953.
28 Urteilsbegründung, zit. n. Herf, Jeffrey: Antisemitismus in der SED. Geheime Dokumente zum Fall Merker aus SED- und MfS-Archiven. In: VJhfZg Heft 4/1994, S. 647; ebd.
29 Urteilsbegründung, zit. n. Herf 1994a, S. 649.
30 Urteilsbegründung, zit. n. Herf 1994a, S. 650.