![]() Historisch-literarische Zeitschrift des Bürgerkomitees »15. Januar« e.V. |
Sie werden in 5 Sekunden auf die neue Seite weitergeleitet.
Sollte
die automatische Weiterleitung nicht funkionieren klicken Sie auf folgenden
Link:
Eine Fahrt nach Auschwitz
Gespräch mit Konrad Weiß
Konrad Weiß wurde 1942 in Lauban (früher Schlesien, heute Polen) geboren. Er wuchs, nach der Flucht der Familie, an deren Folgen sein Vater starb, in Genthin (Sachsen-Anhalt) auf. Nach dem Abschluß der mittleren Reife und einer Ausbildung zum Elektromonteur besuchte er das Katechetenseminar in Görlitz und arbeitete im katholischen Seelsorgeamt Magdeburg. Er war Teilnehmer der ersten Fahrt von Aktion Sühnezeichen nach Auschwitz 1965. Später holte er das Abitur nach und studierte an der Deutschen Hochschule für Filmkunst in Potsdam-Babelsberg Regie und Kamera. Er drehte nach der Ausbildung zahlreiche Filme und gehörte 1989 zu den Mitbegründern der Bürgerrechtsorganisation Demokratie Jetzt. 1998 publizierte Weiß eine Biographie über den Gründer der Aktion Sühnezeichen, Lothar Kreyssig. Im Gespräch mit »Horch und Guck«1 erzählt Weiß, wie er selbst zur Beschäftigung mit der Vernichtung der Juden in Europa angeregt wurde und wie er das Verhältnis der DDR-Opposition der 70er und 80er Jahre zur deutschen Vergangenheit beurteilt. Für den Abdruck in »Horch und Guck« wurde das Gespräch überarbeitet und gekürzt.
Horch und Guck: Sie sind mit einer der ersten Gruppen der »Aktion Sühnezeichen« aus der DDR in den 60er Jahren nach Auschwitz in Polen gefahren. Wie ist es dazu überhaupt gekommen? Warum wollten Sie überhaupt dort hin?
Konrad Weiß: Das war eigentlich ganz unspektakulär. Ich habe 1964, als die erste Reise nach Auschwitz stattfinden sollte, in der Arbeitsstelle für pastorale Hilfsmittel des kirchlichen Seelsorgeamtes in Magdeburg gearbeitet. Der Leiter dieser Arbeitsstelle, Günter Särchen2, war derjenige, der zusammen mit Lothar Kreyssig3 für Aktion Sühnezeichen die Wege nach Polen geöffnet hat. Das hing zum einen damit zusammen, dass Särchen sorbischer Herkunft war, im Sorbenland aufgewachsen ist und in der Zeit des Nationalsozialismus als junger Mann die Rassenverfolgung und die Verfolgung von Slawen mitbekommen hatte. (…) Eine wichtige Rolle für Särchen spielte auch Georg Dertinger4. Er war der erste Außenminister der DDR und wurde 1953 wegen Verschwörung zur Beseitigung der Deutschen Demokratischen Republik und ihrer Errungenschaften verhaftet und 1954 verurteilt. 10 Jahre lang hat er in Bautzen im Gefängnis gesessen. Dertinger gehörte vor 1933 zu einer kleinen Gruppe von jungen Deutschen, die sich in einer paneuropäischen Bewegung zusammengeschlossen hatten und gemeinsam mit Polen eine Europäische Vereinigung vorgedacht haben. Als DDR-Außenminister hatte er 1950 den Oder-Neiße-Grenzvertrag abgeschlossen. Als er aus Bautzen zurück war, (…) hat er Günter Särchen Kontakte nach Polen vermittelt. (…) Ich habe bei Günter Särchen in Magdeburg gearbeitet und bin dadurch in diese Arbeit hineingewachsen. Ich hatte mich bereits 1964 an einem Sühnezeichen-Einsatz in Polen beteiligen wollen, doch diese Fahrt endete in Görlitz an der Grenze. Die DDR ließ uns nicht ausreisen, obwohl wir Einladungen von der polnischen Seite hatten, unter anderem von polnischen Bischöfen und von der Angeordnetengruppe ZNAK5 im Sejm6. Wir sind dann mit unseren Rädern nach Sachsenhausen und Ravensbrück gefahren. 1965 haben wir es dann erneut versucht, hatten nun aber persönliche Einladungen und private Visa, mit denen wir im Abstand von einigen Minuten einzeln über die Grenze gegangen sind. Jenseits des Schlagbaums, in Zgorzelec, haben wir uns dann als Gruppe zusammengetan. (…) Wir haben in Auschwitz-Birkenau die Grundmauern der ersten Vergasungsstätte, des sogenannten Weißen Hauses, ursprünglich ein Bauerngehöft, freigelegt. (…) Auf dessen Wiesen und Äckern war später die Asche aus den großen Krematorien verstreut worden. Wir haben diese Grundmauern ausgegraben, sie aus der zu Erde werdenden Asche der Menschen freigelegt, die dort vergast, dort umgebracht worden sind. Das war natürlich eine sehr emotional bewegende und seelisch anstrengende Arbeit, die wir da geleistet haben. Für mich war es der Punkt, wo ich begriffen habe, was es heißt, Deutscher zu sein, welche politische Verpflichtung ich habe. Das ist keine Frage der Schuld. Ich bin 1942 geboren, ich habe keine persönliche Schuld an dem, was in der Zeit des Nationalsozialismus geschehen ist. Und ich halte auch nichts von einer Kollektivschuld. Aber die Verantwortung, die politische Verpflichtung, die daraus erwachsen ist, das war für mich ein ganz wesentlicher, prägender Punkt.
Die Scham
»Verantwortung« und »Verpflichtung« sind ja schon eher Schlussfolgerungen. Können Sie sich noch erinnern, was der Besuch in Auschwitz unmittelbar bei Ihnen ausgelöst hat? Sie haben ja auch sicher untereinander diskutiert? Können Sie sich erinnern, wie das war, oder liegt das zu weit zurück?
Konrad Weiß: Ich denke, dass das beherrschende Gefühl Scham war. Scham über das, was Deutsche dort angerichtet haben. Man wurde ja auch in Polen als Deutscher gesehen. Ich erinnere mich da noch sehr gut an eine Episode. Nach der Woche in Auschwitz waren wir noch für drei Tage in Krakau. Selbst nach einem so schwierigen und schmerzhaften Erlebnis muss man sich irgendwann wieder dem Leben zuwenden. In Krakau gab es eine Studentenkneipe, die habe ich noch heute vor Augen, ein Jazzkeller. Dort tanzte ich mit einer jungen Polin, die kein Wort Deutsch sprach. In einer Pause nahm sie ihre Zigarettenschachtel, zerriss sie, nahm einen Stift und malte auf die Rückseite einen Schornstein. Darüber schrieb sie auf Deutsch: Vater und Mutter. An so etwas erinnert man sich sein Leben lang. Ich wusste genau, wenn sie Vater und Mutter auf Deutsch schreibt, dann heißt es, dass die Deutschen ihre Eltern umgebracht haben. Also ich glaube, Scham ist damals wirklich das beherrschende Gefühl gewesen. Für mich war aufgrund meiner Erziehung und meiner Erfahrung in der DDR Antifaschismus eigentlich zunächst mit dem Ruch kommunistischer Propaganda verbunden. Ich habe das zwar alles in der Schule gelernt und habe das auch zur Kenntnis genommen. Aber es hat mich nicht wirklich berührt. In der achten Klasse haben wir eine Klassenfahrt nach Buchenwald gemacht. Ich habe daran keine Erinnerung bis auf den einen Satz, den ein Klassenkamerad gesagt hat: »Dann wollen wir mal rein gehen in die Folterbude.« Das hat natürlich einen furchtbaren Skandal ausgelöst. Aber letzten Endes war das nichts, was mich wirklich berührt hat. Das ist eigentlich erst durch die unmittelbare Begegnung mit Auschwitz geschehen. (…)
Hatten Sie denn vorher schon darüber gelesen und sich auf den Besuch vorbereitet oder gab erst der Besuch den Anstoß dazu?
Konrad Weiß: Soweit ich mich daran erinnere, ist es eigentlich der Besuch selbst gewesen, der das intensiviert hat. Natürlich war es auch die Begegnung mit Aktion Sühnezeichen überhaupt. Der Gründer von Aktion Sühnezeichen, Lothar Kreyssig, hatte eine Tonbildserie zusammengestellt. Das war ja die einzige Form »moderner Medienarbeit«, die der Kirche in der DDR möglich war. Die Serie hieß Die Brücke. Kreyssig hatte da einen großen historischen Bogen geschlagen, eine Brücke eben, von den Anfängen abendländischer Geschichte hin zur selbstzerstörerischen Gewalt des nationalsozialistischen Deutschland. In der unseligen Verquickung von Glaube und Gewalt, von Missionierung und Kolonialisierung sah er das eine Grundübel, das andere in der Selbsterhöhung und – wie er sagte – »Selbstvergottung« des modernen Menschen. Kreyssig mahnte, was da an Unmenschlichkeit ausgebrochen sei, könne sich jederzeit wiederholen. Die Stadt Magdeburg, wo er eine zeitlang gewohnt hatte, mit ihrem wechselvollen Schicksal war ihm ein Sinnbild dieser Geschichte – von der Vernichtung der Stadt im 30-jährigen Krieg bis zur Zerstörung Magdeburgs im Zweiten Weltkrieg. Und nachdrücklich hat er sich mit der Schuld auseinandergesetzt, die Deutsche durch die Judenvernichtung auf sich genommen haben. Diese Tonbildserie war der Form nach recht altväterlich gestaltet. Aber dennoch hat sie mich außerordentlich beeindruckt. Denn sie war durch ein Geschichtsbild geprägt, das so ganz anders war als das, was wir in der Schule vermittelt bekommen hatten. (…)
Die Familie
Wie war das bei Ihnen zu Hause? Waren »Krieg«, »Nationalsozialismus«, »Judenvernichtung« und »Schuld« Gesprächsthemen? Sie sind 1942 in Schlesien geboren und mit Ihrer Familie später in die – damals noch – sowjetische Besatzungszone Deutschlands geflohen.
Konrad Weiß: Über den Krieg wurde natürlich gesprochen, vor allem über die Folgen, über die Flucht und den Heimatverlust. Das war gerade für meine Mutter schmerzlich und schlimm, weil mein Vater 1945 an den Folgen dieser Flucht gestorben ist. Aber ich habe daran keine eigene Erinnerung, ich war damals drei Jahre alt. (…) Politik war bei meiner Mutter eigentlich kaum ein Thema, sie hatte als Witwe Mühe genug, ihre drei Kinder durchzubringen. Doch ich habe schon gespürt, dass sie als gläubige Katholikin weder für die Nazis noch für die Kommunisten etwas übrig hatte. Später erzählte sie mir, dass mein Vater bis zuletzt Zentrum gewählt habe und dass er auch nicht Mitglied der NSDAP gewesen sei, obwohl das von ihm als Beamter verlangt wurde. (…) Über die nationalsozialistische Judenverfolgung wurde zu Hause kaum gesprochen. Ich kann mich nur an einen Satz meiner Mutter erinnern: »Das mit den Juden, das hätte Hitler nicht machen dürfen!« Ich bin katholisch erzogen worden, und zwar durchaus noch in einer Zeit, wo das Judentum auch in der Kirche sehr kritisch gesehen oder totgeschwiegen wurde. Bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil kamen Juden in der katholischen Kirche oder in der katholischen Liturgie nur mit dem Satz von den ungläubigen Juden vor. Dieser Satz gehörte in meiner Kindheit noch zur Karfreitags-Liturgie.
Das heißt, es gab möglicherweise auch vor dem Krieg, während des Nationalsozialismus und danach gar keine Beziehung ihrer Eltern oder ihrer Familie zu Juden in Schlesien?
Konrad Weiß: Nein. In Lauban selbst, glaube ich, gab es weder eine jüdische Gemeinde noch eine Synagoge. Bei der Volkszählung von 1900 wurden unter 13.793 Einwohnern lediglich 65 Israeliten gezählt. Möglich, dass mein Vater als städtischer Beamter mit diesen wenigen zu tun hatte, aber darüber weiß ich nichts. Lauban lag in Niederschlesien, also in der Nähe von Görlitz. In Görlitz gab es eine größere jüdische Gemeinde, auch eine Synagoge. Und auch dort, wo ich in den 50er und 60er Jahren aufgewachsen bin, in Genthin, gab es zu der Zeit meines Wissens keine Juden. Auch vor dem Krieg haben nur ganz wenige dort gelebt. Ich kann mich nicht erinnern, dass mir über irgendjemanden einmal gesagt worden wäre, er sei ein Jude. Jedenfalls war in meiner Kindheit das Wort Jude eines von jenen Wörtern, mit denen ich eher etwas Unbestimmtes, Geheimnisvolles, Verbotenes verband, aber jedenfalls keine persönliche Begegnung oder Erfahrung. Ich fürchte, dass trifft für viele Menschen in Deutschland immer noch zu.
Die Lektüre
Sie sagten vorhin, dass der Besuch in Auschwitz bei Ihnen einen Schub für die Auseinandersetzung mit der Vernichtung der europäischen Juden bedeutete. Welche Bücher, Bilder, Filme standen Ihnen zur Verfügung?
Konrad Weiß: Vor allem Belletristik. Ich erinnere mich, dass ich in jener Zeit Das Haus in der Karpfengasse von Ben-gavriel, ein Buch über tschechische Juden und Judenverfolgung, gelesen habe.7 Damals habe ich auch die Warschauer Karwoche von Jerzy Andrzejewski8 gelesen. Ich glaube in diese Zeit fällt auch das Buch von Helmut Eschwege mit dem Titel Kennzeichen J, das ja parallel in der Bundesrepublik und in der DDR erschienen ist.9 In der DDR erst nach vielen Schwierigkeiten, acht Jahre lang hat Eschwege darum gekämpft.10 Ja, es gab einiges. Es gab die Erinnerungen von Peter Edel11, die auch Ende der 60er Jahre in der DDR erschienen sind, und Die Bilder des Zeugen Schattmann12, die Kurt Jung-Alsen 1972 sehr eindrucksvoll für das Fernsehen der DDR verfilmt hat. Auch Konrad Wolfs Film Sterne13 hat mich sehr berührt. In der Schule gehörten zum Unterrichtsstoff Professor Mamlock von Friedrich Wolf14, Die Sonnenbrucks von Leon Kruczkowski15, und natürlich Das Siebte Kreuz von Anna Seghers16. Aber wie gesagt, vieles davon stand damals für mich noch unter dem Vorbehalt der kommunistischen Propaganda. Sehr beeindruckt hingegen hat mich das Stück Korczak und die Kinder von Erwin Sylvanus17, das ich Anfang der sechziger Jahre in der Inszenierung der Städtischen Bühnen in Magdeburg gesehen habe, mit Walter Bechstein in der Titelrolle. (…)
Das alles ist schon einige Zeit her. Sie haben sich sicher auch weiter mit dem Thema beschäftigt. Es gibt sehr verschiedene Auffassungen darüber, was die Shoah war, was der Holocaust war, wie man dieses Verbrechen überhaupt beschreiben kann. Gibt es, intellektuell gesehen, eine »Schule«, der sie damals zuneigten? Oder ein Bild, das für Sie am überzeugendsten ist? Können Sie sich noch erinnern, wie Sie damals über das Thema gesprochen haben, welche Wörter Sie verwendet haben?
Konrad Weiß: Ja, das spielt für mich schon eine Rolle. Aber ich weiß nicht, ob ich da in irgendeine Schublade reinpasse. Sicherlich, ich sehe das schon sehr vielschichtig. Ich sehe das einmal natürlich vom Religiösen her, auch mit der Schuld, die die Kirche da über Jahrhunderte auf sich geladen hat. Ich sehe das aber auch politisch, psychologisch oder unter kulturkritischen Aspekten. Aber ich würde mich nicht irgendeiner »Schule« zurechnen. Der Begriff Nationalsozialismus war in der DDR verpönt; die Nähe zum sakrosankten Begriff Sozialismus war eben unübersehbar und fatal. Ich habe bis über die 90er Jahre hinaus den Begriff Faschismus ganz selbstverständlich gebraucht, ohne die ganzen sophistischen Auseinandersetzungen, die ich natürlich zum Teil kannte, ob es nun Nationalsozialismus oder Faschismus ist, zu berücksichtigen. Also, ich sehe das auch heute nicht so eng. Ich benutze heute auch, einfach um Missverständnisse zu vermeiden, den Begriff Nationalsozialismus, aber habe überhaupt keine Probleme, das auch als Faschismus zu bezeichnen. Der Begriff Shoah, der ist erst sehr viel später gekommen. Der ist im Grunde genommen erst durch den Film von Claude Lanzmann mit dem Titel Shoah lebendig geworden.18 Es ist so ähnlich mit dem Film und dem Begriff Holocaust.19 (…)
Haben Sie den Film »Shoah« gesehen? (…)
Konrad Weiß: Ja. Ich habe natürlich vieles auch über das West-Fernsehen wahrgenommen. Aber auch in der DDR war manches möglich. Wenn ich mich richtig erinnere, hat sogar eine Filmvorführung mit Lanzmann in einer Kirche in Berlin-Pankow stattgefunden. Das hatte der Pankower Friedenskreis organisiert. (…)
Das DDR-Filmarchiv
Kannten Sie in der DDR jüdische Überlebende des Holocaust persönlich?
Konrad Weiß: Ja. Ich habe während meines Studiums an der Deutschen Hochschule für Filmkunst in Potsdam-Babelsberg einen Film über die jüdische Widerstandsgruppe Herbert Baum gemacht. Dabei habe ich Überlebende der Widerstandsgruppe kennen gelernt. Fast noch wichtiger war aber, dass ich bei den Arbeiten zu diesem Film die Möglichkeit hatte, mir im Staatlichen Filmarchiv der DDR sämtliche nationalsozialistische Wochenschauen anzusehen. Das war für mich der wichtigste Geschichtsunterricht, den ich jemals bekommen habe. Natürlich auf der Basis dessen, was ich schon vorher durch die Sühnezeichen-Arbeit in Auschwitz begriffen hatte. Ich rezipierte dieses Material – die nationalsozialistischen Originalbilder, den Originalton – auf dem Hintergrund dieser Erfahrung. Im Übrigen war das auch ein Privileg, dessen war ich mir wohl bewusst. Normalerweise wurde uns in der DDR ja alles vorgekaut und mit marxistischer Interpretationshilfe versehen vorgesetzt. Selbst die Belletristik nichtmarxistischer Autoren erschien nie ohne indoktrinierendes Nachwort. Und Filmbilder aus der Zeit des Nationalsozialismus bekam man allenfalls in kompilierter Form zu sehen. Aber wenn man selbst einen Kompilationsfilm produziert, muss man natürlich vom Originalmaterial ausgehen. Es war also weniger ein politischer Gnadenakt, dass ich diese Dinge zu sehen bekam, als vielmehr eine handwerkliche Notwendigkeit.
Das war ja nun nationalsozialistische Propaganda...
Konrad Weiß: Natürlich, das ist ganz klar. Aber ich denke, ich war damals schon ausreichend mit dem Medium vertraut, um mir dessen bewusst zu sein. Verführbar war ich in dieser Hinsicht nicht. Zu unserem Studium gehörte eine fundierte filmhistorische Ausbildung. So haben wir etwa auch die Filme von Leni Riefenstahl oder den Jud Süß von Veit Harlan gesehen und analysiert. Ich wusste, dass Filmbilder lügen können und wie Filmbilder lügen können. Insofern war ich da schon vorbereitet und geübt, mir diese Wochenschau-Sujets nicht einfach nur naiv reinzuziehen oder mich faszinieren zu lassen, sondern sie kritisch zu betrachten und zu hinterfragen. Aber ich hatte eben die autonome Möglichkeit dazu, und das unterschied sich von allen anderen Ausbildungswegen oder Rezeptions-Möglichkeiten in der DDR. Ich konnte und musste mich selber damit auseinandersetzen und bekam es nicht gefiltert und komprimiert durch jemanden anders. (…)
Lothar Kreyssig
Sie haben bei der »Aktion Sühnezeichen« Lothar Kreyssig kennen gelernt, über den Sie später auch eine Biographie geschrieben haben. Kannten Sie ihn auch privat? Haben Sie miteinander gesprochen? War er vielleicht sogar ihr Vorbild?
Konrad Weiß: Ich kannte ihn natürlich persönlich, und er war ein großes Vorbild für mich. Lothar Kreyssig hatte ja selbst an den Pilgerfahrten 1964 und 1965 teilgenommen. Besonders beeindruckend war damals für mich, diesen so wortgewaltigen Mann dort in Auschwitz schweigend und zutiefst erschüttert zu sehen. Und dass er mit uns auch darüber gesprochen hat, wie er in der Zeit des Nationalsozialismus versagt hat und schuldig geworden ist. Das war wirklich etwas außergewöhnliches, das habe ich sonst von keinem aus seiner Generation erlebt. Dabei war er zweifellos einer der Mutigsten, und er hat ja auch aktiven Widerstand geleistet, hatte im Übrigen auch auf seinem Bauernhof in der Nähe von Brandenburg Juden versteckt. Aber es gab auch ein Geschehnis, das ihn sehr bedrückt hat und das er uns Jungen, wie er sagte, gebeichtet hat: Im Dezember 1942 wollte er gerade einen Juden, dem falsche Papiere beschafft worden waren, auf seinen Hof holen, als dieser ins Sammellager in die Berliner Auguststraße abgeholt wurde. Er versprach ihm, ihn dort anderntags aufzusuchen und herauszuholen. Dieses Versprechen, das aberwitzig genug war, hat er dann auf den dringenden Rat von Kurt Scharf hin gebrochen. Und diesen Wortbruch hat er sein Leben lang als Schuld empfunden. Aber das war auch, wie er oft betont hat, dann für ihn der tiefste Grund, die Aktion Sühnezeichen zu gründen. (…)
Die Filmrecherche
Sie haben später Filme gemacht zu jüdischen Themen. Wenn ich mich richtig erinnere waren es 50 Filme…
Konrad Weiß: Ja, mit allen möglichen kleinen Episoden sind es an die 50 Titel. Aber es sind nur drei Filme zu jüdischen Themen. (…) Der erste Film, das war der Film Flammen20. Den habe ich 1967 an der Hochschule im zweiten Studienjahr als Studentenfilm gemacht; 1970 wurde er nachträglich als mein Diplomfilm anerkannt. Es war der Film über die jüdische Widerstandsgruppe Herbert Baum. Der zweite Film, den habe ich zusammen mit Walther Petri, einem Schriftsteller aus der DDR, gemacht, über das Tagebuch des Dawid Rubinowicz21. Der Film heißt Dawids Tagebuch. Den habe ich 1978 gedreht. Und der dritte Film zu der Thematik, das ist der Film Ich bin klein, aber wichtig über Janusz Korczak, ebenfalls wieder mit Walther Petri als Koautor. Der ist 1988 fürs Fernsehen der DDR gedreht worden und im August 1989 auch im Fernsehen der DDR gezeigt worden.
Wenn Sie diese drei Filme noch mal vor Ihrem geistigen Auge Revue passieren lassen: Gibt es eine spezielle Botschaft, die Sie den Zuschauern vermitteln wollten? Oder ging es Ihnen um schlichte Dokumentation?
Konrad Weiß: Der erste Film Flammen hatte folgenden Hintergrund: Da hatten wir als Studenten das Thema vorgegeben bekommen. Wir sollten einen Film über das Thema Die Liebe zur Sowjetunion machen. Das Thema war mir zugegebenermaßen etwas fremd. Dann habe ich mir etwas gesucht, was mich interessierte. Die zentrale Aktion dieser jüdischen, kommunistischen Widerstandsgruppe um Herbert Baum war – neben vielen, vielen kleineren Wiederstandsaktionen – der Anschlag auf die Ausstellung Das Sowjetparadies. Das war eine nationalsozialistische anti-sowjetische Ausstellung, die in Berlin und auch in anderen Städten gezeigt worden war. In Berlin führte die Gruppe jedenfalls einen Brandanschlag auf diese Ausstellung durch. Es gab zu der Ausstellung auch einen üblen Film, aus dem ich dann ihn in meinem Film einige Szenen zitiert habe. In dem nationalsozialistischen Film wurden russische Untermenschen präsentiert. Diese jungen Leute der Herbert Baum Gruppe ertrugen das als überzeugte Kommunisten und Freunde der Sowjetunion nicht. Sie haben deshalb einen Brandanschlag auf diese Ausstellung verübt, der dann zur Verhaftung des größten Teils der Gruppe geführt hat. Achtundzwanzig dieser jungen jüdischen Widerstandskämpfer wurden hingerichtet. (…) Bei den anderen Filmen spielte eine Rolle, dass meine älteste Tochter damals, Mitte der 70er Jahre, eines Tages aus der Schule kam und ziemlich entsetzt darüber erzählte, dass in ihrer Klasse antisemitische Witze grassierten und antisowjetische Witze. Sie war die einzige von diesen Fünftklässlern, die das nicht so einfach mitgeplaudert hatte. (…) Die Erfahrung meiner Tochter war für mich der Anlass zu sagen, ich möchte einen Film machen, der sich mit der Zeit des Nationalsozialismus speziell für Kinder auseinandersetzt. Der Vorschlag, einen Film über das Tagebuch des Dawid Rubinowicz zu machen, kam dann von Walther Petri. Mit ihm hatte ich vorher den Film Wenn du an Chile denkst gemacht, einen Film über Kinder in der Zeit von Salvador Allende und dem Putsch von Pinochet. Dieses Tagebuch bot sich einfach deswegen an, weil dieser Junge, Dawid Rubinowicz, der in Zentralpolen gelebt hatte, auf eine ganz lebendige Art und Weise alles aufgeschrieben hatte, was er erlebt und erlitten hatte, nachdem die Deutschen in Polen einmarschiert waren. Es ist, anders als das Tagebuch der Anne Frank, ohne jegliche literarische Ambitionen geschrieben. Es sind die Erlebnisse eines 13/14-jährigen Jungen, die ganz unmittelbar und sehr präzise aufgeschrieben sind. (…) Bei den Recherchen zu diesem Film hatte ich die Möglichkeit, in Warschau im Jüdisch-Historischen Institut sehr viele Dinge, mit denen ich vorher nie in Berührung gekommen war, selber in die Hand zu nehmen, selber zu sehen. Hier berührte mich auch wieder – wie schon bei meiner Begegnung mit den nationalsozialistischen Propagandafilmen - diese Unmittelbarkeit. Ich hatte dank des Vertrauens des Direktors dieses Instituts, Dr. Zygmunt Hoffman, z.B. die Möglichkeit, unbeaufsichtigt auf dem Dachboden zu arbeiten, wo tausende, zehntausende von Pässen der in Polen ermordeten Juden aufbewahrt wurden. Ich konnte da einfach reingehen und konnte die Archivalien in die Hand nehmen, die mir wichtig waren. Das ist auch ein ganz, ganz wichtiger Aspekt, dass man alles nicht nur als Foto, als Reproduktion sieht, sondern dass man es auch wirklich in die Hand nimmt, dass Geschichte so begreifbar wird.
Wenn ich das richtig verstehe, geht es in dem Film auch um ein Stück Gegensatz zur kommunistischen Propaganda in der DDR. Die Idee ist, Geschichten genauer zu erzählen, die Realität genauer einzuholen, sich jenseits der Propaganda auf wirkliche Lebensgeschichten zu konzentrieren.
Konrad Weiß: Ja. Wobei ich nicht sagen würde, dass es ein Entgegensetzen war. Es war allenfalls unbewusst ein Entgegensetzen. Als Filmemacher in der DDR war ich natürlich Teil der Propagandamaschinerie. Das war mir eigentlich vom ersten Tag an, wo ich Filme gemacht habe, klar, wenn vielleicht auch nicht mit allen Konsequenzen. Ich konnte wirklich nur versuchen, wahrhaftig zu sein und ein wahrhaftiges Bild von den Menschen, mit denen ich mich befasst habe, und damit auch von der Gesellschaft zu zeichnen. Natürlich kann daraus auch ein Entgegensetzen, kann Widerspruch, bestenfalls Widerstand werden. Ich habe Dawids Tagebuch, der ist 1981 ins Kino gekommen, in ungefähr 90 Veranstaltungen vor Kindern und jungen Leuten gezeigt. Das war meistens im kirchlichen Raum. Es gab nur ganz wenige Vorführungen bei Jugendweihen oder bei der FDJ. (…) Und bei all diesen Gesprächen merkte ich eins, dass junge Leute in der DDR so gut wie nichts über Juden und Judentum wussten. Für sie kamen Juden immer nur als Opfer vor. Aber welche Rolle das Judentum in der deutschen Geschichte gespielt hat, in der deutschen Kultur und Wirtschaft und Wissenschaft, davon war nichts da. Auch nichts über das Judentum als Religion. Gut, ich meine, das ist dann nicht so besonders verwunderlich. Über das Christentum als Religion wurde in der Schule auch nicht gesprochen. Aber über das Judentum eben auch nicht. In meinen Augen war das eine Fortsetzung des Holocaust. Das Judentum wurde totgeschwiegen, Juden wurden ausschließlich als Opfer dargestellt. Hier wurde zu Ende gebracht, was Hitler gewollt hatte: die Ausmerzung des Judentums.
Dawids Tagebuch
Sie sind ja damals, auch wenn Sie sich selbst nicht unbedingt als Oppositioneller, als Gegner der SED angesehen haben, trotzdem von der Gegenseite als ein solcher wahrgenommen worden. Das Ministerium für Staatssicherheit führte eine oder mehrer Akten über Sie. Eine der Akten heißt »OV Widersacher«.
Hat Ihre Beschäftigung mit jüdischen Themen, mit dem Holocaust, mit der Shoah, irgendeine Rolle gespielt? Taucht dieses Thema darin als spezieller Punkt auf oder spielt das keine Rolle?
Konrad Weiß: Nein, das taucht, soweit ich mich erinnere, nicht besonders auf. Es tauchte irgendwann mal durch meine Kontakte auf, die ich nach Israel hatte. Ich hatte einfach durch die Arbeit an den Filmen zwangsläufig Kontakte nach Israel. Bestimmte Recherchen konnte ich nur in Warschau machen, im Jüdisch-Historischen Institut. Die wiederum hatten mir eine Reihe von Kontakten nach Israel und in andere Länder, auch nach New York, vermittelt, um z.B. bestimmte Rechte zu bekommen. (…) Aber ich kann mich nicht erinnern, dass es kommentiert worden wäre. Oder dass das besonders unter dem jüdischen Aspekt gesehen worden wäre. Diese Kontakte wurden aber natürlich registriert. (…) Aber vielleicht ist das ganz bezeichnend: Im Vorfeld dieser Filme, und zwar insbesondere bei dem Film Dawids Tagebuch, bei Korczak war es dann nicht mehr so gravierend, hat es unendliche Auseinandersetzungen in meinem Studio über dieses Vorhaben gegeben. Dass wir so was machen wollen, war akzeptiert, das war kein Problem. Aber kritisiert wurde dann die Art und Weise, wie wir das machten. Da wurde auch Antisemitismus und vor allem Antizionismus ganz deutlich sichtbar. Ich habe noch lange Zeit ein Szenarium zu diesem Film gehabt – irgendwann habe ich das mal einer Journalistin ausgeliehen und nicht wiederbekommen – da hatte der Verantwortliche, der das Drehbuch zu prüfen hatte, jedes Mal, wenn das Wort Jude oder jüdisch vorkam, es rot unterstrichen. Natürlich kamen diese Worte sehr oft vor. Wir sollten z.B. nicht vom jüdischen Volk sprechen, weil es ja nach kommunistischer Lesart kein jüdisches Volk gab. Wir haben das dann aber in einem halbjährigen Kampf gemeinsam, Walther Petri und ich, durchgesetzt. Wir haben ein halbes Jahr lang förmliches um jedes Wort, jedes Bild, jede Einstellung gekämpft. Ich kann mich gut erinnern. Da gibt es z.B. diesen einen Satz im Kommentar, der heißt: Die Deutschen kommen. Der Junge beschreibt die Ereignisse und wir hatten das aufgegriffen und haben geschrieben: Die Deutschen kommen. Aus Die Deutschen kommen sollte werden Die Faschisten kommen. Das haben wir natürlich nicht gemacht. Oder: Der Film endet mit dem Tod des Jungen; Dawid ist 1942 in Treblinka ermordet worden. Wir haben dort in Treblinka gedreht. Das ist eines der eindrücklichsten Mahnmale, die ich überhaupt kenne. Dort sind für jede Stadt, für jeden Ort aus ganz Europa, aus dem die Deportierten gekommen sind, Steine errichtet. Eine riesige Fläche mit Feldsteinen. Mein Kameramann Michael Lösche hat es in sehr, sehr sensiblen Bildern gedreht. Dazu habe ich dann im Ton einen Kaddisch, also das jüdische Totengedenken, gesungen von Estrongo Nachama, montiert. Und das ging nun überhaupt nicht. Wir sollten den Film mit den sozialistischen Großbauten in Warschau beenden und zeigen: der Faschismus ist überwunden, der Sozialismus hat gesiegt. Das war deren Vorstellung. Das Gefühl der Trauer und der Nachdenklichkeit sollte nicht zugelassen werden. Da habe ich aber von allen, die an dem Film mitgearbeitet haben, große Solidarität erlebt. Insbesondere Walther Petri, aber auch der Kameramann Michael Lösche und die Redakteurin Ev Wittmann haben diese Auseinandersetzung mit mir ein halbes Jahr lang durchgestanden. Ein halbes Jahr lang, fast jeden Tag eine Diskussion über Worte.
Die DDR-Opposition
In der Gruppe, die Sie später mitgegründet haben »Demokratie Jetzt«, gab es einige Leute, für die in ähnlicher Weise – vielleicht nicht ganz so wie für Sie, aber doch in ähnlicher Weise – die Auseinandersetzung mit Auschwitz und mit Polen eine Rolle gespielt hat. Wie kommt das, dass ausgerechnet bei »Demokratie Jetzt« sich eine größere Gruppe von solchen Menschen finden lässt?
Konrad Weiß: Ich glaube, das hängt einfach mit persönlichen Bekanntschaften zusammen. Unter den zwölf Gründern sind mindestens vier, die bei Aktion Sühnezeichen aktiv gewesen sind. Ludwig Mehlhorn, Stefan Bickhardt und Michael Bartoszek waren – wie ich – alle einmal oder mehrmals in Einsätzen mit Aktion Sühnezeichen unterwegs. Ludwig Mehlhorn in Polen, Stefan Bickhardt ebenfalls. Dadurch war natürlich einfach die Sensibilität für diese Thematik da. Und es gab den Theologen Wolfgang Ullmann, der sich natürlich auch intensiv mit dem Judentum auseinandergesetzt hatte. Ich glaube, da war sogar noch jemand, der von der Aktion Sühnezeichen kam. Aber das hing eben damit zusammen – das war ja mehr oder weniger zufällig, wie sich das dann 1989 in den Bürgerrechtsgruppen sortiert hat – wen man kannte. Ich bin von Ludwig Mehlhorn und Stefan Bickhardt angesprochen worden. Wenn die in einer anderen Gruppe gewesen wären, wäre ich wahrscheinlich in der anderen Gruppe gelandet oder wie auch immer. Da würde ich jetzt nichts weiter hineingeheimnissen. (…)
Sie haben das Dissidentenmilieu in der DDR nicht erst mit der Gründung der Gruppe »Demokratie Jetzt« kennen gelernt, sondern schon vorher. Gab es in diesem Spektrum aus Ihrer Wahrnehmung viele, die sich mit diesem Themenkomplex Polen, jüdische Geschichte, Holocaust beschäftigt haben, oder gab es zumindest einige?
Konrad Weiß: Es gab ganz gewiss einige. Ob es viele waren, weiß ich nicht. Aber ich denke z.B. an Wolfgang Templin, der ja in Polen studiert hat, der aus einem ganz anderen sozialen Umfeld kam, auch nicht kirchlich geprägt war, aber eben durch seinen Aufenthalt in Polen, auch dadurch, dass er Polnisch konnte, natürlich auch sehr in diesen Prozessen drin war. Ich denke auch, dass die Themen bei der Initiative Frieden und Menschenrechte durchaus auch eine Rolle gespielt haben, z.B. bei Gerd und Ulrike Poppe. Jedenfalls bin ich da auch immer auf große Offenheit gestoßen. Ich habe ja dann im März 1990, nachdem die Volkskammer gewählt war, vorgeschlagen, eine gemeinsame Erklärung der Volkskammerfraktionen22 zur deutschen Schuld gegenüber den Polen, Russen, Tschechen und – den Teil habe ich dann formuliert – gegenüber den Juden zu verfassen. Ich kann mich nicht erinnern, dass einer von denen, die damals in der Volkskammerfraktion von Bündnis 90 waren, dagegen gesprochen hätte. (…)
Gibt es in den 70er und 80er Jahren denn spezielle Ereignisse – Demonstrationen, Lesungen u.ä. – an die Sie sich erinnern können, wo diese Themen eine Rolle spielten? Was erinnern Sie da an Ereignissen oder Gegenständen, bei denen plötzlich die Sprache auf die Vernichtung der europäischen Juden kam?
Konrad Weiß: Ich erinnere mich da ganz lebhaft an die ersten – wie soll ich dazu sagen, es war keine Demonstrationen, oder doch? – Demonstrationen am 9. November. Das war zu einer festen Tradition geworden. Ab wann weiß ich gar nicht mehr. Ab Ende der 70er oder Anfang der 80er Jahre fand alljährlich am 9. November in Berlin in der Sophienkirche ein Gedenkgottesdienst statt. Von dort aus ging man zu dem Denkmal am ehemaligen jüdischen Friedhof in der Großen Hamburger Straße. Mit Kerzen in der Hand und argwöhnisch beobachtet, abgeschirmt von Polizei. Es waren auch immer einige jüdische Teilnehmer dabei, da wollte man nicht eingreifen oder stören. Ein Bewusstwerden der Thematik ist vor allem auch Heinz Knobloch mit seinem 1979 erschienenen Buch Herr Moses in Berlin zu verdanken.23 (…)
Mich hat immer gewundert, dass – anders als in der Bundesrepublik – in der DDR das Beschweigen des Völkermords an den Juden nach dem Nationalsozialismus nicht zum Skandal geworden ist. Haben Sie eine Erklärung dafür? Oder ist diese Wahrnehmung selbst völlig falsch?
Konrad Weiß: Nein, nein, ich glaube, dass diese Wahrnehmung richtig ist. Aber das hängt damit zusammen, dass die Generation derjenigen, die aus dem Krieg oder aus den Konzentrationslagern gekommen ist und die zweifellos auch ihre Verdienste hat – wie soll ich das sagen –, dass die sich auf die Seite der Sieger, der Sowjetunion gestellt und dabei das ganze DDR-Volk mitgenommen hat. Typisch bei uns war, wenn vom Nationalsozialismus gesprochen wurde, dann wurde nicht von den Deutschen gesprochen, sondern von den Faschisten. Das waren also nicht wir gewesen, nicht wir Deutschen, sondern irgendein Volk der Faschisten. Diese Haltung, glaube ich, haben sich viele derjenigen, die als Mitläufer oder durch ihr Schweigen schuldig geworden waren, gern zu eigen gemacht, das war ja auch sehr bequem. Auch deshalb war es so ungewöhnlich, dass ein Mann wie Lothar Kreyssig offen über seine Schuld und seine Verantwortung gesprochen hat. Über diejenigen, die sowohl im Dritten Reich, in der Zeit des Nationalsozialismus und dann wieder in der DDR wichtige Funktionen gehabt haben, wusste man in der DDR nicht so viel. Dieser Skandal hat deswegen keine große Rolle gespielt. (…) Es war ja auch letztlich nicht so repräsentativ für die Führungselite der DDR, zumindest in der ersten Zeit nach dem Krieg nicht. Insofern ist das Entscheidende für das Nichtverarbeiten oder Nichtbearbeiten der nationalsozialistischen Vergangenheit oder der nur sehr oberflächlichen Bearbeitung eben diese Haltung, sich auf die Seite der Sieger zu stellen und damit die eigene Verantwortung oder Schuld zu verdrängen.
Die Selbstentschuldung
Diese Selbstexkulpation hätte ja aber auch zum Protest führen können. So wie Sie es schildern, klingt es fast so, als ob diese Selbstentschuldung – »na ja, da ist ja bei uns nicht mehr so, wir stehen auf der besseren Seite« – als ob diese Haltung auch für Dissidenten eine große Rolle gespielt hat?
Konrad Weiß: Ich weiß nicht, ob man das so sagen kann. Auf jeden Fall glaube ich, wenn Leute angefangen haben, sich politisch auseinanderzusetzen, dass sie dann sehr bald auch auf diesen Widerspruch gestoßen sind. Ich glaube, dass die meisten, die dissidentisch geworden sind, sich auch intensiver mit der Zeit des Nationalsozialismus auseinandergesetzt haben. Schließlich war die fatale Ähnlichkeit dieser beiden totalitären Regime in bestimmten Strukturen und Ausprägungen ja unübersehbar, auch in ideologischen Grundmustern. Aber natürlich ist jeder, der in der DDR gelebt hat, irgendwo auch ein Kind dieser Gesellschaft gewesen und von dieser Gesellschaft auch geprägt gewesen. Und viele Dinge sind dann halt so verinnerlicht, dass man einfach nur in Frage stellt, wenn man das Glück hat, auf die eine oder andere Art und Weise drauf gestoßen zu werden.
Wie war das denn damals, war für Sie z.B. der Name Paul Merker ein Begriff und alles was damit zusammenhing, z.B. das gescheiterte Wiedergutmachungsgesetz? Meinen Sie, dass dies auch im dissidentischen Milieu bekannt war?
Konrad Weiß: Ich glaube nicht, dass das generell bekannt war. Ich hatte das Glück, dass ich wiederum durch Aktion Sühnezeichen auch Helmut Eschwege kennen gelernt habe, den jüdischen Historiker aus Dresden. Eschwege ist mehrfach zu Veranstaltungen von Aktion Sühnezeichen eingeladen worden. Wir hatten einmal im Jahr ein Jahrestreffen, wo die Leute, die irgendwann mal was mit Sühnezeichen zu tun gehabt haben, sich zusammenfanden. Das stand dann immer unter einem bestimmten Thema, Polen, Tschechoslowakei, oder eben auch jüdischen Themen. Da ist der Helmut Eschwege mehrfach dabei gewesen, auch als Referent oder als Gesprächspartner. Und Eschwege hat etwas gemacht, was sonst niemand in der DDR gemacht hat, auch von der jüdischen Gemeinschaft nicht, die ich ja ganz gut kannte, so groß war sie nicht. Er hat auch über die Judenverfolgung in der DDR gesprochen, über die frühen Judenverfolgungen. Garantiert habe ich von ihm damals etwas über Paul Merker gehört. (…) Es ist heute aber schwer zu sagen, wann ich was zum ersten Mal gehört oder gelesen habe. Ich weiß nur, dass ich mir ab Mitte der 60er Jahre ein Zeitungsausschnittarchiv angelegt habe, wo ich sehr genau solche antisemitischen oder antijüdischen oder antiisraelischen Berichte und Meldungen, die in der DDR veröffentlicht worden sind, gesammelt habe. Da ist über die Jahre hin einiges zusammengekommen. (…) Vor allem habe ich dadurch begriffen, dass sich der Antisemitismus der DDR vor allem als Antizionismus äußerte. Und dieser Antizionismus war ganz stark ausgeprägt, als Feindschaft gegen Israel. Das ist nur ganz am Anfang nicht so gewesen. Die Gründung des Staates Israel hatte die SED noch begrüßt. (…)
Können Sie sich denn erinnern, dass es eine Kritik dieses offiziellen Antizionismus aus den Reihen der Opposition gab oder dass es überhaupt Gegenstand von Debatten innerhalb der Opposition war?
Konrad Weiß: Das kann ich eigentlich nicht beurteilen, dafür stand ich zu sehr am Rande. Ich war ja nie Mitglied in einer der Gruppen und kenne also auch nicht die Diskussionen, die dort geführt wurden, jedenfalls nicht aus eigener Teilnahme. Meine Kenntnisse sind eher mittelbarer Natur, also über Leute aus den Gruppen, zu denen ich Kontakt hatte, oder aus Veranstaltungen oder Veröffentlichungen im Samisdat, für den ich ja auch geschrieben habe. Ich denke jedenfalls, dass jüdische Themen innerhalb der Oppositionsgruppen eher abwegig gewesen sind, und dass darüber allenfalls im Zusammenhang mit aktuellen politischen Ereignissen gesprochen wurde. Aber natürlich gab es in der DDR immer auch Menschen, die sich alternativ zu den offiziellen Vorgaben darum bemüht haben, Wissen über das Judentum, über jüdische Religion, Geschichte und Tradition, und über Israel zu vermitteln. Das waren Schriftsteller, Journalisten, Musiker, Pastoren... Den Rahmen, das berühmte Dach dafür bildeten vor allem die Kirchen, bis zu Beginn der achtziger Jahre fast ausschließlich. Manches davon ist dann eben auch in die Arbeit von Friedens- und Menschenrechtsgruppen eingeflossen. Da geschah vieles in Personalunion, denn so groß war das personelle Reservoir an nichtangepassten, alternativen Menschen ja auch nicht. Unbedingt zu berücksichtigen ist dabei, dass es sehr unterschiedliche Phasen gab. In den sechziger und siebziger Jahren waren jüdische Themen in der DDR nicht nur weitgehend unerwünscht, sondern fast ein Tabu, das habe ich ja am Beispiel meiner Filmarbeit beschrieben. Mitte der achtziger Jahre wurde das ganz anders, da gab es für DDR-Verhältnisse einen fast modischen Boom zu jüdischen Themen. Der 50. Jahrestag des Großen Pogroms von 1988 uferte geradezu zur Kampagne aus, an deren Spitze sich die SED gestellt hatte. Davon wiederum fühlte sich die winzige jüdische Gemeinschaft überrannt und überfordert, sie konnte das plötzlich aufgeflammte Interesse für alles Jüdische überhaupt nicht befriedigen.
Die Erklärung der Volkskammer
Sie haben vorhin schon die Erklärung der Volkskammer nach den Wahlen im März 1990 erwähnt. Wie kam diese Erklärung zustande? Weswegen war das plötzlich ein Thema?
Konrad Weiß: Ich hatte das Gefühl, und das ist offenbar von vielen anderen geteilt worden, dass man mit dieser ersten demokratisch gewählten Volkskammer nicht einfach so weiter machen kann, als wäre vorher nichts gewesen. Ich war schon der Auffassung, dass wir als demokratisch gewählte Abgeordnete stellvertretend für alle Bürgerinnen und Bürger der DDR ein klares Schuldbekenntnis aussprechen sollten, und dass wir auch Verantwortung zu übernehmen hätten für das, was von Deutschland und auch von der DDR den Juden, aber auch anderen Völkern angetan worden ist. Ich hatte mir vorgestellt, dass das überhaupt am Anfang der Arbeit stehen müsste, aber für die erste Sitzung ließ sich das nicht realisieren. Es ist dann in der zweiten Sitzung zustande gekommen. Ich habe den Teil formuliert, der sich mit dem Verhältnis der DDR zu den Juden und zu Israel befasst. Reinhard Höppner hat den Teil verfasst, der sich mit Polen und Russland beschäftigt, und dann gab es noch einen dritten Kollegen aus der CDU. Mit den demokratischen Fraktionen innerhalb der Volkskammer gab es keine Probleme, es gab es auch keinen Dissens unter den neu in die Volkskammer gekommenen Abgeordneten. Das war für uns alle ein notwendiger und symbolischer Schritt, der gegangen werden musste.
Wurde in dieser Erklärung auch etwas zur Wiedergutmachung gesagt?
Konrad Weiß: Sicher kommt der Begriff Wiedergutmachung nicht vor. Der entsprechende Abschnitt heißt in dieser Erklärung vom 12. April 1990: »Wir erklären, alles uns mögliche zur Heilung der seelischen und körperlichen Leiden der Überlebenden beitragen zu wollen und für eine gerechte Entschädigung materieller Verluste einzutreten.« Es ist ja in diesem Zusammenhang wichtig zu wissen, dass die DDR nie Wiedergutmachungs-Zahlungen an Israel oder an die jüdische Gemeinschaft geleistet hat. Dass es auch in der Vereinigung der Verfolgten des Nazi-Regimes, der VVN, eine Zwei-Klassen-Gesellschaft gab. Es gab die Opfer und es gab die Kämpfer. Die Opfer waren die Juden, die haben von der Rente, die allen Verfolgten des Nazi-Regimes zustand, nur die Hälfte bekommen. Das wusste in der DDR eigentlich kaum jemand. Ich hatte es Ende der 70er oder Anfang der 80er Jahre bei Gelegenheit einer Beerdigung erfahren. Der Vater einer Freundin, die in der DDR im Gefängnis gesessen hatte und danach im Westen lebte, war gestorben, und wir hatten in unserer Wohnung die Beerdigungsgesellschaft bewirtet. Und da habe ich das miterlebt, völlig aus allen Wolken fallend, wie diese beiden Gruppen von Antifaschisten, Menschen, die mit dem Vater unserer Freundin in Auschwitz oder auf dem Todesmarsch gewesen waren, wie die Opfer und die Kämpfer plötzlich aufeinander trafen. Es kam zu einer heftigen Debatte, die sehr, sehr laut wurde. Ich hatte mir als braver DDR-Bürger nicht vorstellen können, dass solche Unterschiede gemacht wurden. 1990 haben mich dann die jüdischen Gemeinden gebeten, ihre Interessen in der demokratisch gewählten Volkskammer wahrzunehmen; es gab unter den Abgeordneten niemanden, der zur jüdischen Gemeinschaft gehörte. Ich habe mich dann dafür eingesetzt, dass diese Ungerechtigkeit weggefällt und die VVN-Renten von jüdischen und nichtjüdischen Opfern des Nationalsozialismus gleichgestellt werden. Das hat die Volkskammer dann beschlossen und mit dem Einigungsvertrag wurde es bis heute fortdauerndes Recht. (…)
1 Das Interview führte Martin Jander am 2.10.2003.
2 Siehe zu Günter Särchen: Ehrhart Neubert, Geschichte der Opposition in der DDR 1949 – 1989, Bonn 1997, S. 199/200.
3 Siehe zu Lothar Kreyssig: Konrad Weiß, Lothar Kreyssig. Prophet der Versöhnung, Gerlingen 1998.
4 Georg Dertinger wird in den Lexika zur DDR-Geschichte stiefmütterlich behandelt, man muss seinen Lebenslauf am besten im »Munzinger Archiv« nachschlagen. Zum »Fall Dertinger« s.: Jochen Franke, Der Fall Dertinger und seine parteiinternen Auswirkungen, Deutschland-Archiv, 25. Jg. 1992, Heft 3, S.286ff.
5 Katholische Monatszeitschrift aus Krakau, deren Mitarbeiter auch im polnischen Parlament vertreten waren.
6 Polnisches Parlament.
7 Ben-gavriel, M. Y. , Das Haus in der Karpfengasse, 1965.
8 Siehe eine neuere Ausgabe: Jerzy Andrzejewski, Die Karwoche, München 2000.
9 Helmut Eschwege, Kennzeichen »J«, 1966.
10 Vgl. Helmut Eschwege, Fremd unter meinesgleichen, Berlin, Christoph Links Verlag, 1991.
11 Siehe eine neuere Ausgabe: Peter Edel, Wenn es ans Leben geht, Köln 1987.
12 Siehe eine neuere Ausgabe: Peter Edel, Die Bilder des Zeugen Schattmann, 1988.
13 Konrad Wolf, Sterne, DDR (DEFA)/Bulgarien 1959.
14 Friedrich Wolf, Professor Mamlock, Leipzig 1972.
15 Leon Kruczkowski, Die Sonnenbrucks. Stück in 3 Akten mit einem Epilog, Berlin, Volk und Wissen, 1951.
16 Siehe eine neuere Ausgabe: Anna Seghers, Das siebte Kreuz. Roman aus Hitlerdeutschland, Berlin, Aufbau-Verlag 2000 (Werkausgabe 1,4).
17 Siehe eine neuere Ausgabe: Erwin Sylvanus, Korczak und die Kinder, Reinbek bei Hamburg, Rowohlt, 1980.
18 Claude Lanzmann, Shoah, 1985.
19 Die US-Fernsehserie »Holocaust« lief zu Beginn des Jahres 1979 im Fernsehen der Bundesrepublik.
20 Filmografische Angaben zu diesem und den weiteren genannten Filme siehe: Filmobibliografischer Jahresbericht 1968 (und folgende Jahrgänge), Berlin, Henschelverlag Kunst und Gesellschaft, 1970ff.
21 Eine neuere Ausgabe siehe: Das Tagebuch des Dawid Rubinowicz, hrsg. von Walther Petri, Weinheim, 2001.
22 Erklärung der Volkskammer der DDR zum Nationalsozialismus, Deutschlandarchiv, Köln, 1990, S. 794.
23 Eine neuere Auflage siehe: Heinz Knobloch, Herr Moses in Berlin. Ein Menschenfreund in Preußen. Das Leben des Moses Mendelssohn. Berlin 1992.